Hallo Zusammen!
Aktuell befinde Ich mich in der letzten Trainingswoche für den kommenden Untertage-Marathon in Sondershausen. Vor Wochen wurde Ich von einem der Gründungsmitglieder des ASFM e.V. Göttingen mehrfach gefragt, ob Ich nicht an diesem Marathon teilnehmen wolle. Ich habe zunächst euphorisch zugesagt. Typisch Mario: volle Pulle, ohne groß drüber Nachzudenken! Ich mache keinen Hehl daraus: aktuell bin ich eher pessimistisch, was das erfolgreiche Finishen des laut Veranstalters härtesten Marathons (wie jetzt ? Der Welt??) anbelangt. Hallo ? 42 km Untertage bei nur 30% Luftfeuchtigkeit und über 1000 Höhenmetern ?Und selbst wer jetzt meint, das sei doch schaffbar (“lauf die Strecke doch gemütlich, Mario!”) vergisst das Zeitlimit: Innerhalb von 2 Stunden und 45 Minuten ist bitteschön die Halbmarathondistanz geschafft, sonst wirst Du ratzifatzi aus dem Rennen genommen! Und als sei das nicht genug Bestrafung, beobachtet Dich auf Schritt und Tritt der Wettkampfarzt. Zwölf Runden â 3,32 Kilometer – ‘Tiefe Augenblicke’ also garantiert! “Das sind ja Badwater-Zustände hier”, kam mir anfang dieser Woche der Gedanke, als Ich mir wohl zum x-ten mal die Ausschreibung durchgelesen hatte. Ja: vor diesem WK vermischen sich Emotionen wie Angst, Respekt und freudige Erwartung zu einem Bloody-Mary-Cocktail. Prost…

Das hatte Ich vor dem ersten BC nicht so in Erinnerung. Aber hey! Es gibt auch Lichtblicke am Ende des Bergschachts: Ich treffe vor Ort auf Norman Bücher und könnt Ihm mal die Hand schütteln.

Ich freue mich, denn immerhin war mein erstes, ehrliches Lauf – und Motivationsbuch von Ihm. Norman’s Buch hatte mich im ersten Jahr meiner Laufkarriere mehrfach inspiriert…und das tut es immer noch. Sein letztes Laufabenteuer war der Kalahari Augrabies Extreme Marathon mit 250 km in Südafrika. Er ist also allerbestens Vorbereitet. Tja, und wie trainiert ein ambitionierter Hobbyläufer wie meinereiner? Im verregneten, KALTEN Deutschland – na Dankeschön! Eigentlich hätte Ich mein Fitnessstudio doch überreden sollen, eines der tonnenschweren Laufapparate für die Dauer meines Trainings in die Sauna zu v erfrachten, damit Ich dort täglich meine 20-40 km abspule. Ich hätte wirklich fragen sollen, nun ist eh egal. So, und Ich bin wieder abgeschweift. Den Schreibfluss sollte Ich mir jetzt mal für Folge 4 aufsparen, also los geht’s!
Marco drängelt, wo es denn bitte nun als nächstes langgeht, Ich habe ja die Karten…dieser Sklaventreiber
20.10.2012 | 14.40 Uhr
Laut Karte ging es nun von Schäferstuhl drei Kilometer entlang des Salzgitter-Höhenzuges: ein bis 322,9m hohes Hügelland des Niedersächsischen Berglands zwischen Salzgitter und Goslar in den Landkreisen Wolfenbüttel und Goslar und im Gebiet der kreisfreien Stadt Salzgitter. Der Höhenzug wird von etwa 150 km Wanderwegen durchzogen, und aktuell befand ich mich auf einem waschechten Trail am Unterhang des dortigen Naturschutzgebietes – Trailrunning, endlich!

“Geht’s hier hoch?”, fragte mich gerade Marco, der vorgefahren war, weil der sehr schmale Trail keine Gelegenheit bot, neben mir herzufahren. Eine Abzweigung, wiederholt mußte Ich auf die Karte schauen. Ich hatte mich bereits an das Zusammenspiel Kompassfunktion fenix und Kartenmaterial gewöhnt, konnte sogar schon einigermassen gut damit umgehen. Es nervte jedoch, immer wieder anzuhalten. Immerhin lief Ich hier Ultramarathon, der Wechsel Laufen und Stoppen kostete Kraft, ganz zu schweigen von dem Zeitverlust. Aber gut, gejammert habe Ich schon in der letzten Folge. Momentan kämpften zwei Emotionen in mir um die Vorherrschaft: Der wütende und der resignierende Teil. Letzterer gewann nach Stunden schleichend die Oberhand. “Mario?”, rief Marco wiederholt. “Jajaja”, dachte ich zerknirscht. “Versuch Dir nix anzumerken, lauf einfach weiter, Du willst nicht, das Marco an Dir zweifelt…”. Laut rief Ich zurück: “Wir wollen nach Goslar, also bleiben wir auf dem Trail, es geht geradeaus weiter!”. Oha, das klang patziger, als beabsichtigt. Seufz. Ob er das gemerkt hatte in meinem Tonfall ? Der Weg wurde breiter, Spaziergänger kamen uns mehrmals entgegen. Als mich dann plötzlich eine attraktive Joggerin überholte, war Ich innerlich entsetzt. Ich schaute auf die Uhr: Herrjeh, eine achter-Pace? War ich etwa schon so langsam unterwegs? Marco fuhr gerade neben mir her, wir blickten dem lila Joggingdress nach, grinsten dann blöd…achja, typisch Männer halt! Laut sprach ich aus, was er vielleicht ebenfalls dachte: “Ja, ich bin langsam geworden, das wurmt mich, was soll’s…”. Marco taxierte mich kurz, schaute wieder nach vorn. “Los, gib Kette, schnapp Sie Dir, Tiger!”. Ich grinste, überlegte kurz, wollte schon Tempo machen…entschied mich dann aber dagegen. “Du bist kein Proll…”, dachte Ich. Die Joggerin bog dann sowieso zur rechten nach Othfresen ab und entfernte sich, für uns ging es jedoch geradeaus weiter. Währenddessen verbuchte der Schweinehund still und leise einen weiteren Teilsieg auf seinem stetig wachsenden Punktekonto…..
20.10.2012 | 16:35 Uhr
Willkommen im harzer Vorhof zur Zickzackhölle, oder was ? Der Streckenverlauf…crazy! Mal glaubst Du, es geht voran, dann geht es wieder zurück, mal entfernen wir uns von der Ortschaft, mal geht es wieder zurück! Und der Arme muss oft gucken, wo es als nächstes langgeht. Nun reicht es mir aber…”Mario ?? Kann Ich uns navigieren? Na komm, Junge, gib die Karten!” Er guckte nur kurz rüber…sein Blick genügte mir als Antwort vollkommen. Nix zu machen. “Sturer Bock, Du”, denk ich mir. Zwei Mountainbiker nähern sich uns mit rasanter Geschwindigkeit, fahren dann an uns vorbei. Kurze Zeit später erreichen wir die nächste Ortschaft. “Is’ bloß Jerstedt…”, ruft Mario mir etwas gelangweilt entgegen. Pff, langweile Ich Ihn etwa ? Ich wollt grad nen Witz raushauen, als vor uns wieder die beiden Mountainbiker auftauchen. Hat einer von denen etwa ne Radpanne ? Tatsache! “Können wir helfen?”, ruf Ich dem einen sofort zu, der gerade an der Fahrradkette rumhantierte. “Nö Danke, wir kommen klar”, entgegnet dieser. “Mann Mann, ich bin von sturen Böcken umgeben”, fluche ich leise, als wir vorbeiziehen und wieder die Waldungen ansteuern. Eine wirklich traumhafte Gegend! Ich schließe zu Mario auf, radele neben Ihm her. Stumm ragt in weiter Ferne unser Ziel auf…
“Da ist er wieder…72 km haben wir nun hinter uns”, meint Mario gerade, und denkt wohl dasselbe wie Ich. ”Jo…”, antworte Ich etwas ehrfürchtig, den Brocken dabei fest im Blick. “Das Ding wirkt immer noch so irre weit entfernt…” Dann blicke Ich Ihn an. “Aber weisste was ? Den Klotz KAUFEN wir uns…koste, was wolle!”
20.10.2012 | 16:35 Uhr
“Zu meiner rechten der Mühlen-Teich…und jetzt nähern wir uns Gut Riechenberg!”, rufe Ich gerade Marco zu. Ich machte aktuell auf Fremdenverkehrsführer, um uns bei Laune zu halten. Es dämmerte bereits, in ner Viertelstunde würde es dann komplett dunkel sein. Mein Begleiter war wie immer gutgelaunt, grinste sein…eben typisches Sunnyboy-Grinsen. Ich staunte wirklich nicht schlecht, fragte mich wiederholt, aus welchen mystischen Äthern der Typ diese positiven Energien anzapfte! Alle Welt würde es vermutlich nen stückweit besser gehen, wenn er mit uns das dolle Geheimnis teilen würde. Ich war gleichzeitig froh, das dem so war, denn noch immer lagen über dreißig Kilometer vor uns, denn den wirklich harten Brocken – der Oberharz, die knallharten Höhenmeter! – hatten wir noch zu bewältigen. Ich war selber guter Dinge, sehnte die Höhenmeter regelrecht herbei, die vor uns liegende Abwechslung. Nicht vergleichbar mit dem schnöden Feldmark-ZickZack. Die wahre Challenge sollte ab Goslar beginnen! Ich öffnete gerade den Mund, wollte die Situation dreist ausnutzen und Ihm fröhlich mit einem Chackagedöns zuträllern, das wir schon stolze 75 Kilometer hinter uns hatten und…aber er kam mir zuvor, sein kurzer Gesichtsausdruck (trotz guter Laune!) hatte irgendwie was von…erzähl-mir-jetzt-nicht-wieviel-Kilometer-wir-noch-vor-uns-haben-sont-Grabenschubser-Blick!
20.10.2012 | 17:15 Uhr
Stockenduster isses! Und da läuft er immer noch, dieser Hengst! Ihm war zwar in gewissem Maße Erschöpfung anzusehen, aber er versicherte mir mehrfach, das dem nicht so war. Aha: DAS muss wohl die Verbissenheit eines Läufers sein. Diese Läufertypen…eben eine andere Welt! Wir waren nun schon über elf Stunden unterwegs, und der Kerl läuft, läuft, läuft, während ich Rad fahre…ne, damit komm ich echt nicht klar. “Lauf mal weiter, Ich werd kurz nochmal nen Anruf tätigen…”. Er nickte, lief weiter. Mario hatte seine Laufcommunity vorhin per Facebook gefragt, ob das Brockenhotel am Wochenende geöffnet sei. Hinter seiner Überlegung vermutete Ich bereits, das er davon ausging, das es reichlich spät werden würde und ein Abstieg vom Gipfel immer ausgeschlossener. Aktuell überlegte ich also, welche Optionen uns im Zweifelsfall blieben. Ursprünglich wollte uns mein Vater bei Torfhaus abholen und uns dann zum Bahnhof Goslar fahren. Aber wenn wir erst nach Mitternacht den Gipfel erreichen würden….Ich hob den Hörer, während Mario irgendwo vor mir in der Dunkelheit verschwand… “…Hallo? Ja, hier ist Marco, Hi! Du…wir müssten uns über eine mögliche Planänderung unterhalten…”
20.10.2012 | 17:45 Uhr
“Ich hab soweit alles, okay, weiter geht’s!”
Gerade kam Ich aus dem Lidl, hatte nochmal was zu trinken gekauft, und ein wenig Proviant. Mir kam der Gedanke an Frau und Töchterchen, checkte daraufhin das Handy. “Uff! Soviele Nachrichten!”, dachte ich erschrocken! Ich schickte schnell eine SMS an die Familie, dann prüfte Ich Facebook, las die vielen Nachrichten meiner Mittester sowie der Community. “Diese Zuversichtlichkeit der Leute…”, murmelte Ich etwas verdrossen. Marco telefonierte währenddessen, zum wiederholten Mal. Dann verabschiedete er sich, legte auf. “Jo, dann geht’s weiter, Digga. Welche Richtung?”. Ich schaute auf’s Display der fenix, der Track verschwand jedoch gerade aus dem Blickfeld der Kartenansicht. Schnell zoomte Ich aus der Kartenanzeige heraus…da war er wieder! Ein Glück! Ich verglich mit dem gedruckten Kartenmaterial, schaute auf den Kompass, abschließend in die Laufrichtung.”Tja…wir befinden uns nun in Goslar, da macht das Navigieren mit den gedruckten Karten wenig Sinn. Ich hatte nämlich OSM-Karten für Gelände ausgedruckt…” Marco ergriff dann die Initiative, schwang sich auf den Sattel, radelte los. “Hast Recht, macht keinen Sinn, hinzu kommt ja noch der Straßenverkehr…ach weisste was? Wir folgen jetzt der Hauptstraße, ab geht’s irgendwie durch Goslar!”
20.10.2012 | 18:15 Uhr
Geschäftiges Nachtleben auf dem Goslarer Marktplatz: hell beleuchtete Läden und bunte Fachwerkhäuser; ein mit einem goldenen Adler bekronter Brunnen; das Rathaus mit seinen Spitzbogenfenstern und dem Arkadengang; unweit die hohen Türme der stimmungsvoll beleuchteten Marktkirche; kopfsteingepflasterte Gassen, die von zahlreichen alten Häusern gesäumt wurden: ob Bäckergildehaus, Kemenate Röver oder Großes Heiliges Kreuz…jedes mit seiner ureigenen Geschichte; viele Passanten, die überall umherwimmelten. Zwei Gestalten, die sich in einer dieser gemütlich wirkenden Seitengassen befanden und kaum von den Passanten unterschieden: Der Eine hielt ein Rad, schüttelte immer wieder in stummer Fassungslosigkeit den Kopf. Der andere hockte auf einem Treppenabsatz vor einem alten Fachwerkgebäude, blickte gedankenversunken zum Ende der Gasse, versuchte wohl, sich die offensichtlichen Tränen nicht anmerken zu lassen, indem die Hand immer wieder unmerklich über Kopf und Gesicht wanderte. Die beiden hielten sich lange in dieser Gasse auf, redeten aufeinander ein, Gestikulierten. Es machte aber für etwaige Beobachter nicht den Anschein, als würden Sie streiten. Eher gegenseitiges, kumpelhaftes Schulterklopfen. Irgendwann hob der Eine dann die Hand, telefonierte, der andere machte stumm ein Foto. Dann setzen sich Beide in Bewegung. Gemeinsames Ziel: Hauptbahnhof Goslar.

20.10.2012 | 19:06 Uhr
Der Zug setzte sich in Bewegung, wurde dann schneller. Wir saßen im Fahrradabteil auf diesen Klappsitzen. Marco schüttelte den Kopf, biß dabei in seinen Cheeseburger. Ich war schneller, hatte in der gleichen Zeit bereits zwei vertilgt. “Kapier das immer noch nicht: Ich bin Heut stundenlang über Geröll, Gestein, spitzem Fels… oft genug habe Ich dabei die Reifen strapaziert…und dann fährste im dunkeln über Glasscherben und peng! Vorderreifen platt?! Könnt kotzen. Aber Ich glaub ja nicht an Zufälle…” Ich entgegnete: “Eben…bringt nix, sich nen Kopf deswegen zu machen…” Klar war Ich selber frustriert, die abgebrochene Tour saß noch schwer – nicht nur in den Knochen. Marco meinte grad: “Ist schon Krass…da sind wir drei-zehn Stunden unterwegs, und die Zugfahrt dauert nichtmal ne Stunde. Eines der Dinge, die Ich Heute bei dieser Tour gelernt habe ist unter anderem auch das Gefühl der Wertschätzung, schnell von A nach B zu kommen. Überleg ma: Früher warste mit Kutschen TA-GE-LANG unterwegs!” Wir unterhielten uns weiterhin angeregt, bis plötzlich ein bestimmter Gedanke aufkeimte. Ich schaute auf mein Handy, überflog die letzten Meldungen. “Hmmm…überlege grad, was Ich jetzt der Laufcommunity schreiben soll…einige schreiben Gib nicht auf! oder Du schaffst das locker! oder Wann biste da?Gibt’s was neues? Ehrlich gesagt, bin Ich damit grad überfordert…” Marco erwidert: “Dann schlaf erstmal drüber und schreib doch morgen?” Ich überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf. “Ne, ich schreib denen jetzt und hier, dann hab Ich’s hinter mir. Ich hasse es, zu enttäuschen.” Marco guckt mich an wie ein Pferd. “Sag ma, soll ich mal LACHEN? Hey, wir haben gerade 80 km abgerissen…aaaachtziiig! Das war Dreamteam-Leistung, das war ne geile Tour! Chacka, wir hatten Spaß, nur darauf kommt’s an, das war die Hauptsache! Und nun schreibste noch nen Laufbericht! Komm: Noch nen Teamfoto, Ghettofaust, Digga!” Ich atmete nochmal tief durch, und versuchte etwas zu formulieren. Hm, was schreiben ?Ach,was soll’s, kurz und bündig muss es sein, hmmm. Dann hatte Ich es, tippte schlicht: “Enttäuschung pur. Aufgabe in Goslar. Grad keine Worte mehr.” Marco guckt mich an: “Weisste was? Diesen Trip wiederholen wir! Nur, das wir diesmal direkt in Goslar starten, den Kotzbrocken erklimmen, und DANN den kompletten Rückweg antreten…!”. Ich gucke Ihn erst etwas entgeistert an…dann muss Ich grinsen, und dieses Grinsen wurde immer breiter. Mir fiel gerade etwas ganz bestimmtes ein. “Du weisst aber schon, das Ich im August 2013 die 100 Meilen Berlin laufe und DU mir VERSPROCHEN hattest, mich mit dem Rad KOMPLETT zu begleiten? Na ? Wer guckt da jetzt wie ein Pferd?”
Ein Zug fährt durch die Nacht, vorbei an harzer Vorläufern und Höhenzügen. An Bord: Zwei kaputte Typen. Sprichwörtlich. Und durch. Aber sowas von!
